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Samstag, 18. August 2018
Berichte von der Jahrestagung Kerntechnik 2008 in Hamburg

(28.05.08/Di) Eine Neubewertung der Atomenergie fordert das Deutsche Atomforum auf seiner jährlichen Herrschau, die in diesem Jahr vom 27. - 29. Mai in Hamburg stattfindet. Das fanden auch die KritikerInnen, die die Veranstaltung mit Aktionen begleiteten. 

Angesichts der realen Gefahren, wie sie mit Brunsbüttel, Krümmel, ASSE II oder der Kinderkrebsstudie deutlich geworden sind, sei eine Neubewertung der Risiken erforderlich. Foto: Björn Harmening (IG Metall Vertrauenskörperleiter VW Salzgitter / Bündnis Salzgitter gegen Schacht Konrad) bei der Kundgebung vor dem CongressCentrum Hamburg.

Das Atomforum macht ernst. Um aus dem Lagerdenken auszubrechen, will der Präsident des Deutschen Atomforums, Dr. Walter Hohlefelder, zukünftig nicht mehr nur von Kernenergie sprechen, sondern auch von Atomenergie. Schön, wenn Reformen nichts kosten. Bei der Neubewertung, so Hohlefelder offen und ehrlich, gehe es „jetzt um eine Laufzeitverlängerung der bestehenden Anlagen. Die einen sehen dies als Brücke in eine völlig veränderte energiewirtschaftliche Zukunft, wir sehen eine langfristige Perspektive der Kernenergie. Die Frage muss jetzt nicht entschieden werden, aber wichtig ist, dass wir uns alle Energieoptionen offen halten.“

Wie immer begann die Jahrestagung am Dienstag mit grundsätzlichen Positionsbestimmungen im Rahmen einer Plenarsitzung.

Dr. Hans-Josef Zimmer, Technik-Vorstand des Energiekonzerns EnBW (Energie Baden-Württemberg AG) reklamierte trotz aller Diskussionen um Ressourcenschonung und Klimawandel: „Global betrachtet stehen wir vor einem Jahrhundert der Kohleverstromug.“ Eine Lösung der Probleme, die die Energiewirtschaft in Deutschland hat, sieht Zimmer „in einer zunehmenden Europäisierung unserer energiepolitischen und energiewirtschaftlichen Strategien und der damit einhergehenden energiepolitischen Diskussionen“.

Ulrich Gäbler, Vertreter des Kraftwerkbauers AREVA: „Die friedliche Nutzung der Kernenergie ist alles in allem eine Erfolgsgeschichte. Sie ist nicht nur eine Geschichte, sondern auch Gegenwart und vor allem Zukunft, weil sich zunehmend die Erkenntnis durchsetzt, dass weltweit ein nachhaltiger Energiemix Kernenergie mit einschließt.“  Anders als die Energiewirtschaft, für die das zentrale Anliegen Verlängerung der AKW-Laufzeiten ist für den Verkufer natürlich der Neubau der „eigentliche Prüfstein für den Aufschwung der Kernenergie“. Das bunte Bild der schönen neuen Atomenergie-Welt, dass Gäbler dann schilderte, hatte allerdings einen Haken: Es ist eine Kette von Ankündigungen, Vorhaben und Planungen. Und so ist denn die Schilderung des Ist-Zustandes sehr viel verhaltener: „Ich kann für mein Unternehmen sagen, dass wir Neubauaufträge schon zu einem wesentlich früheren Zeitpunkt erwartet hatten.“ Gäbler spricht von der „Konsolidierung“ der Branche und vielen, vielen Vorleistungen, die man für den „erwarteten Anstieg der Bestellungen“ leiste, den Erwaerb eines Stahlwerkes etwa oder die Aufstockung und Einarbeitung von Mitarbeitern. Wohlgemerkt redet er dezidiert von „Voraussetzungen für den Aufschwung der Kernenergie“. 

Ein krasser Bruch dann auf der Pressekonferenz der KritikerInnen in der Mittagspause. Gerd Rosenkranz von der Deutschen Umwelthilfe, der als Journalist für taz und SPIEGEL 15 Jahre lang die Jahrestagungen beobachtet hat verweist darauf, dass die Zahl der Atomreaktoren weltweit sinke. Weltweit von 444 Anlagen in 2002 auf 439 Anlagen in 2007, deutlich noch in Europa von 177 Anlagen (1988) auf 146 Anlagen (2007). Führte die Internationale Atomenergieorganisation 1990 noch 83 Neubauten an, ist derzeit nur noch von 34 Anlagen die Rede. 10 davon wurden bereits zwischen 1972 - 1987 begonnen, darunter Reaktoren vom Tschernobyl-Typ, deren Fertigstellung wohl kaum zu erwarten ist. Auch für Rosenkranz ist die Neubewertung eine gute Idee: Das Risiko sei in den letzten Jahren deutlich gewachsen, für ihn persönlich werde insbesondere auch das Risiko terroristischer Angriffe unterschätz. Statt einer Renaissance der Atomenergie gäbe es nur eine Renaissance der Ankündigungen. Und schließlich: „Wo immer Regierungen ihre Energieversorger zum Bau von Atomkraftwerken drängen, verlangen diese umgehend massive staatliche Subventionen. Nicht nur das Katastrophenrisiko macht Atomkraftwerke einzigartig: Sie sind auch die einzige Technologie, die 54 Jahre nach ihrem kommerziellen Start überall auf der Welt erneut ´Markteinführungshilfen´ erfordert. Nur stört das in diesem Fall viele eingefleischte Marktliberale nicht.“


Hanna Poddig von der RobinWood Fachgruppe Energie setzte sich kritisch mit den Argumenten auseinander, die für eine Renaissance ins Feld geführt werden: Weder trage Atomenergie zum Klimaschutz bei, noch gäbe es eine zu schließende Energielücke. Faktisch wird aus Deutschland mehr Strom exportiert als importiert. Letztlich gehe es den Energiekonzernen nicht um Versorgungssicherheit und Klimaschutz, sondern um ihre Gewinne.

Die schöne bunte Bilderbuchwelt der Atomenergie sei immer dann zu Ende, wenn die Realität anfängt, meinte Peter Dickel von der Arbeitsgemeinschaft Schacht KONRAD e.V. für die Koordination der Endlagerstandorte mit Verweis auf Brunsbüttel, Krümmel, die Kinderkrebsstudie und nicht zuletzt die ASSE II. „Wir haben uns an den Endlagerstandorten viel zu lange darauf eingelassen, über zukünftige Sicherheit zu spekulieren. Aber wer heute in der Diskussion um Atommüll noch ernst genommen werden will, muss sich mit den Fakten aus der Vergangenheit auseinandersetzen. In der ASSE II kann der Einschluss der Radioaktivität nicht mal für 150 Jahre sichergestellt werden, gemessen an geforderten 1.000.000 Jahre also überhaupt nicht.“ Nach dem „Konsens“ zwischen Schröder-Bundesregierung und AKW-Betreibern hätten auch viele KritikerInnen gehofft, dies sei ein Weg zum Ausstieg. Wenn die Stromwirtschaft diesen Pakt jetzt gerade zu der Zeit kündige, in der es zunehmend technische Probleme gibt, Gefahren deutlich werden und der Atommüll in der ASSE II baden geht, hätte dies Konsequenzen. „2007 haben zwar noch nicht Tausende demonstriert, aber an vielen Orten Hunderte. Wer die Verfaßtheit der Anti-AKW-Bewegung kennt, kann absehen, was das bedeutet.“

Am Vorabend der Jahrestagung kamen 800 Menschen im Hamburger Schanzenpark zu einer Veranstaltung „Kein Forum dem Atomforum“ mit Beiträgen und der Gruppe Rantanplan zusammen. Der 1. Tag der Jahrestag wurde von den KritikerInnen mit einer Dauerkundgebung begleitet. Neben Kundgebungsbeiträgen und Musik fehlte auch nicht die obligate Kletteraktion von RobinWood.

 

 

 

Fotonachweis: www.contratom.de (3), AG Schacht KONRAD e.V. (2) 

 

 

 
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